Tiergestütze Therapie

TT - Tiergestütze Therapie - ist in Deutschland noch ein noch recht unklar definierter Begriff.

Er umfasst tiergestützte Interventionen bei Personen oder Personengruppen in der Pädagogik, der Sozialarbeit und im therapeutischen Bereich.

Die heute am häufigsten vorkommenden Formen der TT ist neben dem Einsatz des Pferdes in der Hippotherapie der Einsatz von Hunden in Alten- und Pflegeheimen.

Unser Angebot TheraKamel© - das physiotherapeutische Kamelreiten - ist ein Angebot in der TT im therapeutischen Bereich.

Bei der Hippotherapie und bei  TheraKamel©  z.B. findet eine Therapie im klassischen Sinn des Wortes statt:

Eine Erkrankung wird diagnostiziert und die Therapie soll der Wiederherstellung der körperlichen oder seelischen Gesundheit oder der Linderung der Krankheitssymptome dienen.

Beim Einsatz des Hundes in Alten- und Pflegeheimen ist hingegen das Ziel nicht Genesung oder Symptomlinderung von Krankheiten, sondern vorrangig die Erhöhung von Lebenslust und Lebensfreude. Durch die tiergestützte Aktivierung und Motivierung der Klienten, durch Bewegung, Lachen, Freude und vermehrte Kommunikation sollen Defizite ausgeglichen und das körperliche und seelische Wohlbefinden erhöht werden. Zunehmend wird diese Arbeit differenziert als Tiergestützte Sozialarbeit oder Tiergestützte Aktivität und nicht als TT bezeichnet.

Der Einsatz von Tieren bei der Arbeit mit Kinderngruppen (z. B auf Erlebnisbauernhöfen) wird zunehmend Tiergestützte Pädagogik genannt. 

Die grundlegenden Wirkprinzipien zwischen Mensch und Tier bei alle den genannten tiergestützten Interventionen sind weitestgehend identisch.

Eine kurze zusammenfassen der Mechanismen:
Seit Jahrtausenden lebt der Mensch mit domestizierten Tieren zusammen. Das Tier war dabei für den Menschen nicht nur Nahrung, sondern auch Arbeitstier, Beschützer und Freund.

Da das Tier für den Menschen eine sehr wichtige Rolle spielte, war die Bindung zwischen beiden sehr eng. (So verbrachte im 19 Jahrhundert ein Bauer z.B. wesentlich mehr Zeit am Tag mit seinem Pferd auf dem Acker als mit seiner Frau und seinen Kindern und kannte demzufolge die Befindlichkeiten und Bedürfnisse seines Pferdes mindestens ebenso gut wir die seiner Familie.)

Das evolutionäre Zusammenleben mit dem Tier hat beim Menschen Spuren hinterlassen. Wissenschaftlich wird dieser Sachverhalt als Biophilie bezeichnet: die Liebe des Menschen zum Lebendigen, die Sehnsucht nach Natur. Dessen bedient sich die Tiergestützte Therapie: Auch der moderne Stadtmensch, der im Alltag ohne Tier lebt, hat in der Regel eine inneres - oft unreflektiertes – Bedürfnis nach Natur und Umgang mit Tieren. Tiere „sprechen“ den Menschen an.
Die Kommunikation zwischen Mensch und Tier basiert dabei nicht auf kognitiver Ebene, sondern in der Regel nonverbal auf emotional vitaler Ebene. Der Mensch hat – unabhängig von Bildung und Intellekt - ein Gespür für Tiere. Bei vielen Erkrankungen oder Problemen des Menschen ist vorrangig die kognitive intellektuelle oder kommunikative und weniger oder nicht die vitale emotionale Ebene betroffen. Daher funktioniert die (analoge) Kommunikation zwischen Mensch und Tier auch bei z.B. solchen Patienten, bei denen die sprachliche intellektuelle (digitale) Kommunikation zwischen Mensch und Mensch gestört ist.

Entsprechend der evolutionären Entwicklung hat jede Tierart ein eigenes arttypisches Verhalten, das gezielt in der TT angewendet werden kann.

Beispiel: Soll ein Mädchen lernen, deutlichen seinen eigenen Willen zu bekunden, eignen sich dafür besonders Tiere mit einer klaren hierarchischen Lebensform, wie z.B. Hund oder Pferd. Sie verstehen nur ein klares Ja oder Nein und kein Vielleicht. Schwerer oder unmöglich wäre für dieses Mädchen das Erlernen einer gradlinigen Kommunikation im Rahmen der TT mit einer Katze.

Was hat das Kamel in der TT Spezifisches zu bieten?
Wozu eignet sich das Kamel in der TT besonders gut?
Was kann das Kamel anderes bieten, als z.B. Pferd, Hund oder Katze?

Kamele leben sozial in Herden, die allerdings wenig Hierarchie haben. Diese Herden sind nicht, wie bei z.B. Pferden, stabil, sondern Zweckgemeinschaften. Kamele mit ähnlichen Interessen (wie z.B. Stuten mit gleich alten Fohlen und also gleichem Schritttempo) finden sich zusammen. Verliert sich die Gemeinsamkeit der Gruppe, löst sich die Gruppe langsam auf und neue Zweckgemeinschaften finden sich zusammen. Lebenslange enge Bindungen, wie wir sie z.B. von Pferdestute und deren Stutfohlen kennen, oder lebenslange Freundschaften zwischen zwei Tieren kommen beim Kamel ebenso wenig vor, wie Antipathie zwischen zwei Tieren.

Genauso gelassen, wie Kamele ein neues Herdenmitglied in ihrer Mitte aufnehmen, nehmen sie Trennungen von Artgenossen als gegeben hin. Ein Kommen und Gehen ist im Leben eines Kamels Normalität. Es trauert deshalb auch nicht bei einem Verlust. (Ausnahme: eine Stute verliert ihr Sausfohlen)

Dieses Verhalten überträgt das Kamel auf den Menschen: eine fremde Person wird in der Regel kamelfreundlich gegrüßt: Dabei nimmt das Kamel Blickkontakt auf, streckt den Kopf in Richtung Nase des Menschen und pustet ihm leicht ins Gesicht.

Diese aktive Annäherung des Kamels ist im Vergleich zu anderen Tieren sehr defensiv: es nähert sich langsam mit ruhigen Bewegungen und ist dabei nicht fordernd. Es bietet Kontakt an und ist aber gleichzeitig nicht beleidigt, wenn der Mensch auf das Angebot nicht eingeht und z.B. einen Schritt zurück tritt und den nasalen Gruß nicht erwidert.
Egal wie ein neuer Mensch sich verhält, dass Kamel bietet Kontakt an, fordert ihn aber nicht ein: so wie der Mensch ist, ist er für das Kamel in Ordnung.

Diese defensive Kontaktsuche des Kamels ist besonders wirkungsvoll bei sehr ängstlichen Menschen. Diese fassen erstaunlich schnell Vertrauen zu diesen riesigen Tieren und suchen dann von sich aus aktiven Kontakt zum Kamel.  

Verblüffende Effekte zeigten sich wiederholt bei autistischen Kindern.

Generell wirkt der Kontakt zum Kamel auf Menschen sehr entspannend. Durch wissenschaftliche Studien ist belegt, dass der Mensch sich intuitiv an der Natur orientiert und dass sein Körper und seelisches Befinden darauf reagieren. So sinkt z.B. messbar der Blutdruck, wenn ein Hund sich in einem Raum mit Menschen befindet.

Das Kamel bewegt sich in der Regel langsam und wenig. Durch sein „Energiesparen“ hat es einen ungewöhnlich geringen Muskeltonus, der sich in Form von Entspannung sichtbar auf seinen Beobachter überträgt.

Gleichzeitig sind Kamele für Menschen fast immer große und fremde Tiere.

Großes Fremdes macht Menschen Angst.
Begegnet eine Person einem Kamel tritt ein starker Zwiespalt auf von einerseits sehr angezogen sein und andererseits ängstlich Distanz halten wollen. 

Diese Ambivalenz  der Gefühle irritiert.  Wir haben dafür kein bewährtes Verhaltensmuster, auf das wir zurückgreifen können. Deshalb sind wir sind offen und wach. Wir befinden uns in einem nicht alltäglichen, ungewöhnlichen, veränderten Bewusstseinszustand.  Momentane Befindlichkeiten wie z.B. schlechte Laune treten ebenso in den Hintergrund wie depressive, passive, verschlossene oder abwehrende.

Dieser angeregte Gemütszustand kann für Interventionen genutzt werden.
Er ist unter anderem auch ein Grund für die Wirksamkeit des physiotherapeutischen Kamelreitens: Oft vermindern in der Physiotherapie depressive Gemütszustände therapeutischen Erfolg. Schlaganfall- oder MS-Patienten sind auf Grund ihrer schweren Lebenssituation in ihrem Grundbefinden oft deprimiert oder frustriert. In dem durch die Kamele verursachten wachen offenen Gemütszustand erlernen sie wesentlich leichter alte Bewegungsabläufe neu, die das Gehirn  dauerhaft abspeichert.  

Durch die Begegnung mit dem Kamel arbeit unser Gehirn vorübergehend anders als sonst. Unsere normalen Kontrollmechanismen sind herabgesetzt und unsere Aufnahmebereitschaft für Neues oder Fremdes ist erhöht. An genau diesem Punkt kann eine therapeutische Intervention oft wirkungsvoller als sonst einsetzen.

Diese Gefühlsambivalenz, die uns bei der Begegnung mit dem Kamel in diesen besonderen Bewusstseinszustand versetzt, bewirken andere Tiere in der Tiergestützten Therapie kaum. In der Regel sind uns die anderen Tiere relativ bekannt und vertraut - oder sie wirken durch ihre geringe Körpergröße nicht so beängstigend auf uns. Eine Ausnahme bildet neben dem Kamel der Delphin, was unter anderem die Delphintherapie so erfolgreich macht: Ein uns äußerlich sehr fremdes Wesen, das in einem dem uns fremden auch etwas bedrohlichen Medium Wasser lebt, erobert unser Vertrauen: „Durch den Kontakt mit dem Delphin verringert sich beim Menschen das Empfinden von Angst, Stress und Spannungszuständen. Er empfindet den Zufluss positiver Energien und wird von negativen Emotionen befreit.“

Eine Berliner Tageszeitung titelte folgerichtig bei einem Beitrag über TheraKamel©: "Dephine mit Höckern"

Derzeit erarbeiten wir in Zusammenarbeit mit Therapeuten, Pädagogen und Sozialarbeitern konkrete Kamel-TT-Angebote für verschiedene Bereichen, z.B. Resozialisierung, Demenz, psychische Störungen.

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